Die Welt und ihre Grenzen öffnen sich nach strengen Corona-Lockdowns langsam wieder, und die Menschen freuen sich darauf, wieder zu reisen. Das ist toll und macht Spaß, aber denk daran, dass du Ziel zufälliger Durchsuchungen und höchst übergriffiger, traumatischer Erfahrungen werden könntest.
“Alle meine Geräte sind komplett verschlüsselt, ich muss diesen Artikel nicht lesen.” Ich wünschte, eine solche Aussage wäre wahr, lieber Leser. In Wirklichkeit kannst du, je nach Standort, gezwungen werden, deine Geräte samt Passwörtern herauszugeben. Dieser Datenschutz-Reiseguide bietet dir praktische und realistische Lösungen, wie du den Zoll passierst, ohne deinen digitalen Datenschutz aufzugeben.
TL;DR - Zu lang, nicht gelesen
Die Grenzbeamten sind am längeren Hebel, du kannst festgehalten und deine Geräte können beschlagnahmt werden. Gesetze zur Offenlegungspflicht von Schlüsseln machen es legal, dich zur Herausgabe deiner Passwörter und biometrischen Zugänge zu zwingen. Sichere deine Geräte, nutze verschlüsselten Cloud-Speicher, lösche die Daten und setze dein Gerät auf Werkseinstellungen zurück, lege neue Reise-Konten an und stelle deine Geräte wieder her, sobald du ein sicheres Netzwerk erreichst.
Erwartung vs. Realität
Übliche Erwartung: “Ich bin ein gesetzestreuer Bürger und reise international zum Vergnügen oder geschäftlich. Ich habe meine Rechte, die verschlüsselten Geräte, die mir gehören, sind meine und können mir ohne Verdacht nicht weggenommen werden. Die Daten auf meinen Geräten dürfen ohne meine Zustimmung nicht kopiert oder gespeichert werden. Wenn es hart auf hart kommt, lösche ich einfach alle Daten vor den Augen der Grenzbeamten von meinem Gerät.”
In Wirklichkeit sind internationale Reisende gerade von einem langen, anstrengenden Flug gestiegen, übermüdet und verwirrt. Außerdem bist du vielleicht falsch über die Gesetze des Landes informiert, in das du gerade einreisen willst, von den Beamten der Grenzpolizei eingeschüchtert und wegen Sprachbarrieren nicht in der Lage, dich richtig zu verständigen. Internationales Reisen hat auch einen finanziellen Aspekt. Du hast dein Flugticket und dein Hotelzimmer bereits bezahlt, und wenn du nicht mit den Grenzbeamten kooperierst, könntest du gezwungen sein, kurzfristig ein überteuertes Rückflugticket zu buchen. Das fügt der Situation enormen finanziellen Stress hinzu.
All das bringt dich von vornherein in eine schlechte Lage. Du bist müde, gestresst und verwirrt, und du stehst gut ausgeruhtem, geschultem Personal gegenüber, das bei zufälligen Durchsuchungen viel Macht über dich hat.
Traumatische und höchst übergriffige Verhöhnung des Datenschutzes
Eine zufällige Datensicherheits-Durchsuchung durch Beamte der Grenzpolizei kann dazu führen, dass du für unbestimmte Zeit festgehalten wirst, all deine Geräte beschlagnahmt werden, du zur Herausgabe von Passwörtern gezwungen wirst, um deine Verschlüsselung zu umgehen, und deine digitalen Dateien geprüft, kopiert und gespeichert werden. In den USA werden Daten 15 Jahre lang in einer Datenbank gespeichert, die ohne Durchsuchungsbeschluss von Tausenden Mitarbeitern der U.S. Customs and Border Protection durchsuchbar ist. Zu den Daten gehören Nachrichten, private Fotos, Kontakte, Beiträge in sozialen Medien, medizinische und finanzielle Informationen, der Browserverlauf und Anruflisten.
Selbst wenn du argumentieren würdest, dass “ich nichts zu verbergen habe”, sollte jetzt klar sein, dass dies ein höchst übergriffiges Verfahren und eine Verhöhnung deines Datenschutzes ist. Denk daran, dass diese Durchsuchungen völlig zufällig und ohne Verdacht auf eine Straftat erfolgen können.
Eine richtige Risikoabwägung ist in einer solchen Situation entscheidend. Bleib respektvoll und ruhig, lüge die Grenzbeamten nicht an, behindere sie nicht körperlich und dokumentiere den Vorgang auf höfliche Weise. Frage nach den Namen des Personals, den Behörden, für die sie arbeiten, und nach Dienstnummern. Wenn du mitspielst, gehören deine Daten den Beamten. Wenn du dich weigerst, können die Beamten deine Geräte beschlagnahmen, dir die Einreise verweigern, deinen Status als ständiger Einwohner infrage stellen und dich Befragungen und Haft aussetzen.
Hohes Risiko in den USA, China, Russland, Australien, Großbritannien und Neuseeland
Mehrere Länder haben mittlerweile eine rechtliche Grundlage geschaffen, bezeichnet als Gesetze zur Offenlegungspflicht von Schlüsseln, um den Informationsdatenschutz auszuhebeln, indem Einzelpersonen verpflichtet werden, kryptografische Schlüssel an die Strafverfolgungsbehörden herauszugeben. Wer Passwörter zu Schlüsseln nicht offenlegt, riskiert je nach Land mehrere Jahre Haft. Eine vollständige Liste der Länder und weitere Details findest du in diesem ausführlichen Wikipedia-Artikel.
Einfache und unkomplizierte Vorkehrungen
Die schlechte Nachricht ist, dass es in den zuvor beschriebenen Situationen nichts zu tun gibt, außer zu kooperieren. Die gute Nachricht ist, dass du kein Computerexperte sein musst, um vor der Reise ein paar einfache Vorkehrungen zu treffen.
Anstatt dein gewohntes Handy, Tablet und Laptop mitzunehmen, nimm Geräte mit, die eigens fürs Reisen eingerichtet und dafür bestimmt sind. Das könnten günstigere Modelle wie ein Chromebook und ein Wegwerf-Smartphone sein, das mit einem separaten, unkritischen Konto mit minimalen Daten und installierten Apps synchronisiert ist. Halte alle vertraulichen Informationen von diesen Geräten fern und stelle sicher, dass du in keinem Cloud-Dienst angemeldet bist, der Zugriff darauf hatte. So hast du Zugriff auf ein Gerät mit den wichtigsten und nötigsten Kontakten, Buchungen, Übersetzung und Karten.
- Chromebooks bieten grundlegende Rechenleistung und speichern nicht viele Daten. Nutze sie, um dich in dein eigenes Reise-Konto einzuloggen.
- Nutze einen unserer empfohlenen besten VPN-Anbieter, wenn du dich mit öffentlichen WLAN-Netzwerken an Flughäfen, in Hotels usw. verbindest.
- Installiere einen standardmäßig privaten Browser wie LibreWolf oder Brave.
- Richte ein Datenschutz-E-Mail-Konto für deine neue Reise-Identität ein. Benenne das neue Konto aber nicht nach etwas, das mit Reisen zu tun hat. Das könnte Verdacht erregen. Wähle etwas Neutrales, das auf eine alltägliche Nutzung verweist. Beispiel: Nutze “johndoe99” statt “johntravels23”.
- Merke dir die Konto-Passwörter für deine Reise-Konten, speichere sie nicht in einem Passwort-Manager. Du könntest dir ein langes, aber leicht zu merkendes Passwort ausdenken wie: “JohnnyTravelsToRome-2023-Alone”.
- Füge touristische Bilder auf deinem Handy hinzu, damit es nicht leer und ungenutzt wirkt.
Erwäge nach deiner Ankunft, datenschutzfreundliche Apps zu installieren
- Nutze alternative und private Weltkarten sowie Übersetzungstools, die dich nicht tracken.
- Wähle einen verschlüsselten Kalender und Notizbuch, um während deiner Reisen organisiert zu bleiben.
- Schütze deine Dateien mit verschlüsseltem Cloud-Speicher, Foto-Speicher, sicherer Dateiverschlüsselung und nutze Dateifreigabe-Tools, um deine Geräte zu synchronisieren, vor und nach deiner Reise.
- Reise nicht mit auf deinem Handy installierten Social-Media-Apps. Wenn du soziale Medien dennoch nutzen musst, greife über deinen Browser darauf zu, und vergiss nicht, dich nach jeder Nutzung abzumelden und deinen Browserverlauf zu löschen.
- Installiere keine Apps, die dich persönlich identifizieren.
- Nutze einen verschlüsselten DNS-Resolver, der leicht einzurichten und kostenlos nutzbar ist.
- Vergiss nicht, auch auf deiner Smartwatch und deinem Fitnessarmband die Konten zu wechseln. Schau dir “Gadgetbridge” in unserer Kategorie Datenschutzfreundliche Gesundheits- & Fitness-Apps an.
Stelle sicher, dass keine Social-Media-Konten mit deinem echten Namen verknüpft sind, auf die Grenzbeamte zugreifen können. Wenn sie diese finden, können sie auch dort Zugriff verlangen.
”Aber mein Flaggschiff-Handy hat eine richtig gute Kamera”
“Ich will es mitnehmen, um schöne Bilder von meinem Urlaub zu machen. Außerdem sind meine Buchungen, Tickets und Karten auf diesem Handy.” Das verstehe ich, das ergibt Sinn und nimmt einem sonst viel Bequemlichkeit. Erstelle ein komplettes Backup deines Handys, setze es auf Werkseinstellungen zurück und lege ein neues Konto für Reisezwecke an. Befolge alle obigen Empfehlungen.
So kannst du deine gute Kamera weiterhin nutzen und deine Buchungen verwalten, ohne Gigabytes an privaten Daten an eine internationale Grenze mitzunehmen. Sobald du wieder zu Hause bist, kopiere deine neuen Bilder in die Cloud, auf einen Laptop oder PC und stelle dein altes Backup wieder her.
Dieser ganze Vorgang ist auf iOS-Geräten besonders einfach, aber auch auf Android-Geräten machbar. Auch wenn es mühsam erscheinen mag, sollte es das wert sein, um nicht in einer riesigen Datenbank zu landen und sich mit Grenzbeamten herumschlagen zu müssen.
Unternehmen mit sensiblen Daten sind sich dessen bewusst und handeln bereits
Hältst du das für paranoid und unnötig? Du solltest wissen, dass es bei Unternehmen, die mit sensiblen Daten umgehen, nicht ungewöhnlich ist, Mitarbeiter anzuweisen, vor dem Einsteigen ins Flugzeug alle Daten von den Geräten zu löschen und sie am Reiseziel in einem sicheren Netzwerk wiederherzustellen. Verständlicherweise wollen sie keine sensiblen Kundendaten oder Firmengeheimnisse in einer zentralen Datenbank haben.
EU stellt Beamten, die in die USA reisen, Wegwerfgeräte bereit, angesichts von Überwachungsbedenken
Die Europäische Kommission stellt Mitarbeitern, die die Vereinigten Staaten besuchen, mittlerweile Wegwerf-Handys und -Laptops zur Verfügung, eine Vorsichtsmaßnahme, die zuvor Reisen in Länder wie China und Russland vorbehalten war. Diese Verschiebung signalisiert wachsende Sorgen über mögliche US-Überwachung und verdeutlicht zunehmende Spannungen in den transatlantischen Beziehungen, insbesondere rund um Cybersicherheit und Datenschutz. Quelle
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Wenn du diesen Artikel hilfreich fandest, teile ihn bitte mit deinen besten Freunden und deiner Familie, die bald verreisen. Es könnte ihnen einigen Ärger beim Überqueren internationaler Grenzen ersparen. Bleib sicher und genieße deine Reise! ❤️
Wende dich bei US-bezogenen Rechtsverletzungen an die EFF
Das gilt nur für US-bezogene Reisen, und falls du das Gefühl hast, dass Grenzbeamte deine Rechte verletzt haben, indem sie deine Geräte und Social-Media-Konten durchsucht und beschlagnahmt haben: borders@eff.org. Sie haben außerdem einen ausführlichen Bericht “Digital Privacy at the U.S. Border: Protecting the Data On Your Devices and In the Cloud” veröffentlicht, der lesenswert ist und auch als PDF-Download angeboten wird.
Nachrichten und verwandte Guides
- EU gives staff ‘burner phones, laptops’ for US visits - theregister.com
- Avoid U.S. or take burner devices, Canadian executives tell staff - bnnbloomberg.ca
- Can Border Agents Search Your Electronic Devices? It’s Complicated. - aclu.org
- Why your phone and laptop can be seized at an international Australian airport - and there’s nothing you can do about it - 7news.com.au
- Sydney airport seizure of phone and laptop ‘alarming’, say privacy groups - theguardian.com
- A Guide to Getting Past Customs With Your Digital Privacy Intact - wired.com
- How to prevent customs agents from copying your phone’s content - washingtonpost.com




